4.2 Destabilisierung binärer Oppositionen (Taubenböck)
In ihrer gattungsspezifischen Untersuchung zur Gothic novel wendet Andrea Taubenböck das strukturalistische Modell Lotmans bei der Analyse von zwölf Texten aus drei Jahrhunderten an. Die historische Bandbreite reicht dabei von Klassikern des Genres wie Ann Radcliffes The Mysteries of Udolpho bis hin zu modernen Nachfolgetexten von Angela Carter und Stephen King. Im Zentrum von Taubenböcks Forschungsinteresse steht die Frage,
ob die Raumstrukturen gewisse ahistorische Konstanten aufweisen oder ob die topologische Struktur der Schauerromane starken historischen Schwankungen unterliegt, eine teleologische Entwicklung aufweist oder sonstige Veränderungen erfahren hat.[38]
Der Lotmansche Ansatz sei deshalb für die Untersuchung einer Gattungsentwicklung geeignet, weil er den formalistischen Anspruch der absoluten Textimmanenz überwindet und sein Sujet-Begriff relativ zur historischen Situation des jeweiligen Textes zu sehen ist.[39]
Das von Taubenböck zusammengestellte Textkorpus umfasst mit Romanen von Stephen King, Angela Carter und Peter Ackroyd auch postmoderne Werke, bei denen sich die Frage stellt, ob das grundsätzlich mit binären Basisoppositionen operierende Ordnungsschema Lotmans noch Bestand hat, oder ob „diese Texte binäre Systeme nur noch zitieren, um sie zu verwerfen und durch ‚undecidables‘ im Sinne von Derridas poststrukturalistischem Ansatz zu ersetzen.“[40]
So liegt beispielsweise in Stephen Kings Roman Misery (1987) eine massiv polarisierte Binärstruktur „Innenraum vs. Außenwelt“ vor: Der Schriftsteller Paul Sheldon wird nach einem schweren Autounfall von der ehemaligen Krankenschwester Annie Wilkes in deren Haus gepflegt und – wie sich herausstellen wird – gefangengehalten. Das Krankenzimmer, in dem sich der ans Bett gefesselte Autor befindet, wird im Verlauf der Handlung immer zunehmend negativ konnotiert, zumal die Krankenschwester immer deutlicher psychopathische Züge aufweist und damit beginnt, ihren Gefangenen psychisch und körperlich zu foltern.
Diese scheinbar strenge Grundopposition erfährt eine erste Relativierung, indem Pauls positive Bewertung der Außenwelt zunächst durch ein Unwetter erschüttert wird und er sie schließlich immer stärker mit seiner psychotischen Peinigerin in Verbindung bringt. In gegenläufiger Richtung findet eine zunehmende Positivierung des Innenraums vom Gefängnis zum Schutzraum statt.[41]
Die entscheidende Transzendierung der binären Raumstruktur vollzieht sich allerdings erst auf einer metafiktionalen Ebene: Paul Sheldon ist Autor einer trivialen Romanserie, die er – um sich seriöseren Projekten zuzuwenden – mit dem Tod der romantischen Heldin Misery enden lassen will. Annie, eine begeisterte Anhängerin der Misery-Romane, erfährt von diesem Vorhaben und zwingt ihren Gefangenen, die Serie fortzusetzen. Nach anfänglichem Widerwillen eröffnet sich durch das Schreiben des Romans nach und nach ein Zufluchtsort für Sheldon, der sich immer mehr in die fiktive Welt seiner Heldin versenkt. Auf der metafiktionalen Ebene öffnet sich ein alternativer Raum, der die grundsätzlich dominierende Opposition in der Raumstruktur der realen Welt dermaßen außer Kraft setzt, dass der Schriftsteller sogar die Möglichkeit seiner Rettung durch zwei Polizisten verstreichen lässt, nur um an seinem Roman weiterschreiben zu können.
Selbst nach der Befreiung Sheldons bleibt diese ambivalente Raumstruktur, die durch eine zunehmende Verflechtung von realer und fiktiver Welt gekennzeichnet ist, zunächst noch erhalten und stellt für den Leser ein Moment der Verunsicherung dar. Allerdings bemängelt Andrea Taubenböck bei ihrer Bewertung des Romans, dass diese Ambiguität nicht konsequent eingehalten und am Ende des Romans durch banale Erklärungsmuster vollends außer Kraft gesetzt wird:[42]
Damit hat das Element der Metafiktion auch nicht genügend Kraft, die gattungskonstitutive topologische Oppositionsstruktur des Romans zu unterminieren. Durch den Wegfall der Bedrohung mit Annies Tod ist die Grenze zwischen den disjunkten Teilräumen aufgehoben, der Raum der Vernunft siegt über das Böse, das Ende dieses Romans reproduziert damit lediglich das typische Muster der Radcliffeschen Klassiker.[43]
Konsequenter als bei Stephen King wird die Dekonstruktion raumsemantischer Binärstrukturen in den Romanen Love (1971) von Angela Carter und Hawksmoor (1985) von Peter Ackroyd betrieben. Als postmoderne Varianten des Genres zerstören sie die „klare Binärstruktur [des klassischen Schauerromans] zugunsten eines schillernden, ambivalenten Konzeptes.“[44]
In einer abschließenden Auswertung werden die Ergebnisse der Einzelanalysen hinsichtlich ahistorisch-struktureller Aspekte der Raumbehandlung verglichen. So lässt sich aus allen Texten – auch den postmodernen – jeweils eine zentrale Binäropposition herausfiltern, auch wenn diese einen äußerst divergierenden Komplexitätsgrad aufweisen. Deutliche Unterschiede zeigen sich vor allem darin, wie die Texte auf einer höheren Ebene mit den räumlichen Grundoppositionen verfahren:
Auf die erste Phase des Aufbaus einer Lotmanschen Grundopposition – wie stark sie auch jeweils ausgeprägt sein mag – folgt in allen Romanen eine über das Lotman-Modell hinausgehende Phase, in der die aufgebaute Opposition modifiziert wird. Diese Modifizierung wird aber jeweils unterschiedlich gehandhabt und erhält die verschiedensten Erscheinungsformen, von einer temporären Suspendierung der Opposition über ihre finale Überwindung durch Aufhebung der Grenze bis hin zur völligen Auflösung in Identität.[45]
Insgesamt sei die Analyse nach Lotmans struktural-semiotischen Raummodell auch bei poststrukturalistischen Texten legitimiert, da sie „dem Rezipienten [erlaubt], die Besonderheiten solcher Texte vor der Folie einer vorgegebenen Struktur wahrzunehmen.“[46]
[38] Taubenböck, 2002, S. 10.
[39] Vgl. Taubenböck, 2002, S. 285.
[40] Taubenböck, 2002, S. 45.
[41] Vgl. Taubenböck, 2002, S. 253 ff.
[42] Vgl. Taubenböck, 2002, S. 255 ff.
[43] Taubenböck, 2002, S. 264.
[44] Taubenböck, 2002, S. 245.
[45] Taubenböck, 2002, S. 269.
[46] Taubenböck, 2002, S. 285. Zudem sei man bei der Analyse postmoderner Texte auf ein strukturalistisches Instrumentarium insofern angewiesen, da ein poststrukturalistisches Ordnungsmuster nicht existiert und schlechterdings ein Paradoxon darstellt.
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