3.1 Die Sprache der Literatur - Jurij M. Lotmans Raummodell als methodische Basis bei der Erzähltextanalyse

Jurij M. Lotmans Raummodell als methodische Basis bei der Erzähltextanalyse

LMU München
Institut für Deutsche Philologie

Seminar: „Theorien des Erzählens “
Wintersemester 2002/2003
Verfasst von: Maximilian S t e r z

 

1 Einleitung

2 Die Kategorie Raum als Gegenstand der Literaturwissenschaft

3 Das Raummodell nach Jurij M. Lotman

3.1 Die Sprache der Literatur

3.2 Lotmans Raummodell als narratologisches Analyseverfahren

3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets

3.2.2 Das Ereignis als Grenzüberschreitung

4 Modifikation des Sujetmodells bei der Erzähltextanalyse

4.1 Revolutionäre und restitutive Texte (Scheffel/Martinez)

4.2 Destabilisierung binärer Oppositionen (Taubenböck)

4.3 Mengentheoretische Rekonstruktion (Renner)

5 Fazit

Literaturverzeichnis

3 Das Raummodell nach Jurij M. Lotman

3.1 Die Sprache der Literatur

Lotmans semiotisches Forschungsinteresse bezieht sich allgemein auf die Kunst als zwar fakultatives, aber dennoch konstitutives Merkmal jeglicher Gesellschaft.[15] Mithilfe einer struktural-semiotisch ausgerichteten Methodik versucht Lotman, „eine allgemeine Skizze der Struktur der ‚Sprache‘ der Kunst und ihres Verhältnisses zur Struktur des künstlerischen Textes“[16] zu ermitteln. Den universalen Ansatz einer allgemeinen Kunsttheorie engt er im weiteren Verlauf seiner Ausführungen auf das Gebiet der verbalen Künste ein, womit vor allem literaturwissenschaftliche Fragestellungen ins Zentrum des Interesses rücken. Terminologisch und methodisch stützt sich Lotman auf die Erkenntnisse der strukturellen Linguistik. Analog zur Saussureschen Dichotomie langue vs. parole setzt er die Begriffe System und Text. Der Text steht einer – nach wachsender Abstraktheit organisierten – Hierarchie von Strukturen gegenüber:

Vor allem ist hervorzuheben, daß die Gegenüberstellung von Text und System keinen absoluten, sondern einen relativen und nicht selten sogar einen rein heuristischen Charakter aufweist. Erstens kann ein und dieselbe Erscheinung kraft der bereits festgestellten Hierarchizität dieser Begriffe in den einen Zusammenhängen als Text fungieren und in anderen als System, das Texte einer niederen Ebene dechiffriert.[17]

Zentralen Stellenwert in Lotmans Theorieentwurf besitzt seine These, die Kunst stelle ein „sekundäres modellbildendes System [...] im Verhältnis zur (natürlichen) Sprache“[18] dar:

Die Kunst kann somit beschrieben werden als eine Art sekundärer Sprache, und das Kunstwerk folglich als ein Text in dieser Sprache.[19]

Bei der Literatur liegt nun ein besonderer Fall vor, da sie „als sekundäres System auf und über der natürlichen Sprache errichtet wird“[20] und somit die natürliche Sprache als Material benutzt. Hier stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis natürliche und literarische Sprache zueinander stehen. Den entscheidenden Unterschied sieht Lotman bezüglich der Relation zwischen Ausdrucks- und Inhaltsebene. Ist die Beziehung zwischen Signifikat und Signifikant in der natürlichen Sprache arbiträr und konventional, so ist den Zeichen der Kunst hingegen ein ikonischer Charakter eigen. Bei den darstellenden Künsten ist dieser Umstand evident, doch lässt er sich auch auf die verbalen Künste übertragen, da „im literarischen Text eine Semantisierung der außersemantischen (syntaktischen) Elemente der natürlichen Sprache stattfindet.“[21]

Hinsichtlich des genannten hierarchischen Verhältnisses von Text und System kann ein literarischer Text als ein einziges, ganzheitliches Zeichen angesehen werden, wobei die Zeichen der natürlichen Sprache die Elemente dieses einen Zeichens darstellen.[22]


[15] Vgl. Lotman, Struktur, 1972, S. 12 ff.

[16] Lotman, Struktur, 1972, S. 18.

[17] Lotman, 1975, S. 20 f.

[18] Lotman, Struktur, 1972, S. 22.

[19] Lotman, Struktur, 1972, S. 23.

[20] Lotman, Struktur, 1972, S. 39.

[21] Lotman, Struktur, 1972, S. 40.

[22] Vgl. Lotman, Struktur, 1972, S. 40 f.