1 Einleitung
2 Die Kategorie Raum als Gegenstand der Literaturwissenschaft
3 Das Raummodell nach Jurij M. Lotman
3.1 Die Sprache der Literatur
3.2 Lotmans Raummodell als narratologisches Analyseverfahren
3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets
3.2.2 Das Ereignis als Grenzüberschreitung
4 Modifikation des Sujetmodells bei der Erzähltextanalyse
4.1 Revolutionäre und restitutive Texte (Scheffel/Martinez)
4.2 Destabilisierung binärer Oppositionen (Taubenböck)
4.3 Mengentheoretische Rekonstruktion (Renner)
5 Fazit
Literaturverzeichnis |
4.1 Revolutionäre und restitutive Texte (Scheffel/Martinez)
Michael Scheffel und Matias Martinez diskutieren Lotmans Raumsemantik im Rahmen ihrer – als konkretes Hilfsmittel für die Textanalyse gedachten – Einführung in die Erzähltheorie. Sie veranschaulichen die breitgefächerte Anwendbarkeit anhand adäquater Textbeispiele,[35] stellen aber – wie im übrigen alle anderen hier vorgestellten Autoren auch – einen umfassenden Geltungsanspruch der Lotmanschen Kategorien bezüglich erzählender Texte in Frage:
[Lotman gibt] kein Argument für sein Postulat, daß Erzählungen notwendigerweise topologisch strukturiert sind. Weist wirklich jeder bedeutungshaltige narrative Text eine klassifikatorische Grenze auf? Ist jede Geschichte einer Normverletzung immer auch die Geschichte einer räumlichen Grenzüberschreitung? Man darf bezweifeln, daß die von Lotman beschriebene Sujet-Raumstruktur ein notwendiges Merkmal bedeutungshaltiger narrativer Texte darstellt.[36]
Martinez und Scheffel schlagen deshalb eine Erweiterung des Sujetmodells vor, durch die auch solche Texte als narrativ gelten können, bei denen die Überschreitung der klassifikatorischen Grenze entweder scheitert, oder wieder aufgehoben wird. Demnach können zwei Typen sujethafter Texte unterschieden werden: Revolutionäre Texte mit gelungener Grenzüberschreitung „durchbrechen die klassifikatorische Ordnung der erzählten Welt, restitutive bestätigen sie.“[37]
[35] Die Grundzüge des Lotmanschen Raummodells werden einführend anhand Dante Alighieris Göttlicher Komödie dargestellt. Als Analysebeispiel für moderne Texte, die oftmals eine weniger eindeutig ausgeprägte Raumsemanik aufweisen, wird Thomas Manns Der Tod in Venedig herangezogen.
[36] Martinez/Scheffel, 1999, S. 144.
[37] Martinez/Scheffel, 1999, S. 142.
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