4.3 Mengentheoretische Rekonstruktion (Renner)
Karl Nikolaus Renner interessiert sich in seiner Untersuchung zur Adäquatheit von Literaturverfilmungen für die Frage, ob eine Geschichte „von einem Medium in ein anderes transponiert, von einer Kultur in eine andere verpflanzt, noch die gleiche Geschichte [ist]“[47] Gegenstand seiner Untersuchung ist Heinrich von Kleists Erzählung Der Findling (1811) und deren Verfilmung durch den amerikanischen Regisseur George Moorse aus dem Jahr 1967.
Ausgehend vom Begriff des Ereignisses werden hierarchisch geordnete narrative Strukturen in Text und Film miteinander verglichen. Dabei stützt sich die Untersuchung auf die Ereignisdefinition Lotmans, da sie kulturtypologische Fragestellungen integriert und veranschaulicht, „wie Text und Film in ihre Kulturen eingebunden sind und dennoch miteinander identifizierbar bleiben.“[48] Lotmans Grenzüberschreitungstheorie biete sich für die Adäquatheitsuntersuchung von Literaturverfilmungen nicht zuletzt deshalb an, weil die von ihr postulierte Bedeutung räumlicher Kategorien im Medium Film eine besonders wichtige Rolle spielt.[49]
Allerdings stellt Renner die unmittelbare Anwendbarkeit des Raummodells auf die Analyse komplexer Erzählexte in Frage, indem er den auf divergierenden Einzelbeispielen beruhendenden Ausführungen Lotmans eine gewisse Inkonsistenz nachweist.[50] Gravierendere Mängel des Lotmanschen Entwurfs seien jedoch eine weitgehende Ausklammerung zeitlicher Aspekte sowie die ausdrückliche Bindung der Ereignisdefinition an den topographischen Raum, was die Analyse von Texten ohne ausgeprägte topographische Struktur unmöglich erscheinen lässt.
Um diese Schwächen zu kompensieren, schlägt Renner eine mengentheoretische Rekonstruktion der Grenzüberschreitungstheorie vor, die den Begriff des Raumes durch den weiter gefassten Begriff der Menge ersetzt:
Dies kann dadurch gerechtfertigt werden, daß die Topologie unmittelbar auf der Mengentheorie aufbaut. Die vorgeordnete Tätigkeit bei der Analyse der Ereignisstruktur eines Textes ist nun nicht mehr die Aufdeckung topographischer Strukturen, sondern die Bildung von Mengen. Die narrative Struktur von Texten kann somit unabhängig von den repräsentierten topographischen Strukturen entwickelt werden.[51]
Die Grenze als zentrales Strukturmerkmal des Lotmanschen Raummodells wird von Renner durch die Konfiguration der Komplementärmengenrelation ersetzt, die ein Ganzes in zwei Telmengen gliedert, wobei jedes Element einer der beiden Komplementärmengen angehört. Im nächsten Schritt wird Lotmans Postulat von der Unüberschreitbarkeit der Grenze mengentheoretisch durch eine textspezifische, nicht-triviale Teilmengenrelation ausgedrückt. Nicht-trivial deshalb, da die Teilmengenrelation Elemente verschiedener Kategorien untereinander verbindet.[52]
Der Erkenntnisgewinn der mengentheoretischen Rekonstruktion Lotmans steigere sich zusätzlich, wenn man bei der Ereignisdefinition den Faktor Zeit integriert. Renner zerlegt das Kontinuum der erzählten Zeit in diskrete Zeiteinheiten. Mit Hilfe einer prädikatenlogischen Darstellungsform wird die Struktur der dargestellten Welt – also nach Lotman die sujetlose Textschicht – anhand von Ordnungssätzen bestimmt. Renner zieht nun zum Vergleich eine andere Klasse von Sätzen heran, die er Situationsbeschreibungen nennt. Nun kann für jeden Zeitabschnitt überprüft werden, wie sich die Sätze beider Klassen zueinander verhalten. Wird zu einem bestimmten Zeitpunkt ein unterschiedlicher Wahrheitsanspruch zwischen Ordnungssatz und Situationsbeschreibung festgestellt, so liegt ein Ereignis vor:
Die wechselnde Mengenzugehörigkeit einer Figur kann [...] zeitpunktabhängig erfaßt werden. Besitzt nun eine Figur zu einem Zeitpunkt ti eine Eigenschaft, die einem Ordnungssatz widerspricht, so ist dies ein Ereignis. Je nach Blickpunkt bedeutet dies nämlich, daß sich eine Figur nicht in dem Raum befindet, an den sie gebunden ist, oder daß ihre Eigenschaften die vom Text postulierte Ordnung verletzen.[53]
Durch die Übertragung des Lotmanschen Raummodells in ein System von Mengenrelationen soll eine Versöhnung des Ereignisses als Grenzüberschreitung und des Ereignisses als Regelverletzung ohne Metaphorisierung ermöglicht werden, d.h. die Ereignishaftigkeit eines Vorfalls kann unabhängig davon ermittelt werden, ob gegen topographische Raumaufteilungen oder gegen Normen verstoßen wird. Erst dadurch sei eine Analyse narrativer Texte, die keine topographisch markierte Grenze aufweisen, möglich. Ziel des rekonstruierten Verfahrens ist es, narrative Strukturen möglichst exakt darzustellen und zu intersubjektiv überprüfbaren Aussagen zu gelangen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist für die konkrete Textanalyse ein komplexes Textmodell zu erarbeiten, bestehend „aus einer Grundordnung und den Situationsbeschreibungen ti für jeden erzählten Zeitpunkt ti.“[54] Für jede Perspektive des Textes ist ein Teilmodell mit eigener Grundordnung und perspektivenbezogenen Situationsbeschreibungen zu entwerfen. Nach Erstellung des Modells gelangt man mittels verschiedener Suchraster zu den konkreten Analyseergebnissen. Dazu gehören die zeitliche Gliederung des Textes, die Feststellung der Mengenverhältnisse sowie die Aufdeckung der im Text entwickelten Regularitäten.[55]
Der hohe Formalisierungsgrad und das aufwendige Analyseverfahren werfen die Frage nach dem heuristischen Nutzen für die praktische Textanalyse auf. Renner bemüht sich um eine erzähltheoretische Präzisierung Lotmans, der in der Kürze seiner Ausführungen oft ungenau bleibt und gewisse Problemfälle lediglich andeutet. Allerdings setzt die Integration von Mengentheorie und Prädikatenlogik vom Interpreten mehr als nur Grundkenntnisse auf diesen Gebieten voraus. Durch die Umwandlung räumlicher Relationen in mengentheoretische Verhältnisse verliert das Modell zudem viel von seiner Anschaulichkeit. In einer späteren Arbeit stellt Renner dann auch den heuristischen Wert seiner Methodik selbstkritisch in Frage:
Dieses recht umständliche Verfahren führt zu einer erheblichen Aufblähung des Beschreibungsapparates eines Textes und wirft auch einige grundsätzliche Probleme auf, wie z.B. die Frage nach der empirischen Überprüfbarkeit von Ordnungssätzen, die mit W-Operatoren gebildet werden.[56]
[47] Renner, Karl Nikolaus: Der Findling. Eine Erzählung von Heinrich von Kleist und ein Film von George Moorse. Prinzipien einer adäquaten Wiedergabe narrativer Strukturen. München 1983. S. 5.
[48] Renner, 1983, S. 5. Dieser Aspekt ist deshalb besonders wichtig, da Moorses Verfilmung das Geschehen in die Gegenwart verlagert, anstatt Kleists Erzählung „normgerecht“ als Kostümfilm zu adaptieren.
[49] Vgl. Renner, 1983, S. 20.
[50] Vlg. Renner, 1983, S. 20.
[51] Renner, 1983, S. 20 f.
[52] An anderer Stelle veranschaulicht Renner seine Ausführungen anhand narrativer Strukturen exemplarischer Werbespots. In einem Pepsi-Spot brechen Affen in einem Versuchslabor unbemerkt aus ihrem Käfig aus, um sich aus dem Getränkeautomaten eine Dose Pepsi-Cola zu beschaffen. Nach dieser Aktion kehren sie ebenso heimlich wieder in ihren Käfig zurück. Die Kategorie „Affe-sein“ ist in diesem Text mit der Kategorie „eingesperrt-sein“ verknüpft. Diese Beziehung ist aber deshalb nicht-trivial, da sie von Text zu Text variieren kann. In anderen Texten kann diese Relation aufgehoben oder sogar umgekehrt sein: So sitzen im Film Planet der Affen nicht die Affen, sondern die Menschen hinter Gittern. Vgl. Renner, Karl Nikolaus: Räume – Grenzen – Handlungen. Die Grenzüberschreitungstheorie als Analyseinstrument von Texten und Filmen. 14.12.1998. URL: www.journalistik.uni-mainz.de/grenz.htm (07.11.02).
[53] Renner, Karl Nikolaus: “Die strukturalistische Erzähltextanalyse” In: Antos, Gerd; Brinker, Klaus u.a. (Hrsg.): Handbuch zur Text- und Gesprächslinguistik. Bd. 1. Berlin 2000. S. 52.
[54] Renner, 1983, S. 89.
[55] Vgl. Renner, 1983, S. 90 ff.
[56] Renner, Karl Nikolaus: “Zu den Brennpunkten des Geschehens. Erweiterung der Grenzüberschreitungstheorie: Die Extrempunktregel.” In: diskurs film. Münchner Beiträge zur Filmphilologie, 1, 1987. S. 117.
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