3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets - Jurij M. Lotmans Raummodell als methodische Basis bei der Erzähltextanalyse

Jurij M. Lotmans Raummodell als methodische Basis bei der Erzähltextanalyse

LMU München
Institut für Deutsche Philologie

Seminar: „Theorien des Erzählens “
Wintersemester 2002/2003
Verfasst von: Maximilian S t e r z

 

1 Einleitung

2 Die Kategorie Raum als Gegenstand der Literaturwissenschaft

3 Das Raummodell nach Jurij M. Lotman

3.1 Die Sprache der Literatur

3.2 Lotmans Raummodell als narratologisches Analyseverfahren

3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets

3.2.2 Das Ereignis als Grenzüberschreitung

4 Modifikation des Sujetmodells bei der Erzähltextanalyse

4.1 Revolutionäre und restitutive Texte (Scheffel/Martinez)

4.2 Destabilisierung binärer Oppositionen (Taubenböck)

4.3 Mengentheoretische Rekonstruktion (Renner)

5 Fazit

Literaturverzeichnis

3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets

Bei der Betrachtung des künstlerischen Textes als modellbildendes System ist der Begriff des künstlerischen Raumes von zentraler Bedeutung.[26] Ausgehend von der anthropologischen Grundannahme, menschliche Vorstellungsinhalte seien wegen der primär visuell ausgerichteten Wahrnehmung des Menschen vorwiegend räumlicher Natur, folgert Lotman, dass auch verbalisierten Modellen das ikonische Prinzip der Anschaulichkeit eigen ist.[27] Dies zeige sich bereits bei der außertexttuellen, ideologischen Modellbildung, die sich einer „Sprache räumlicher Relationen“ bedient. Topologische Oppositionspaare wie beispielsweise „hoch – niedrig“ oder „nah – fern“ werden zum Material für den Aufbau ganzer Weltmodelle einer Kultur, d.h. deren nicht-räumlicher Inhalt (z.B. „gut – schlecht“, „eigen – fremd“) wird mit räumlichen Merkmalen ausgestattet. Vor dem Hintergrund solcher räumlich strukturierter Kulturmodelle „gewinnen dann auch die speziellen von diesem oder jenem Text oder einer Gruppe von Texten geschaffenen räumlichen Modelle ihre Bedeutsamkeit.“[28]

Im Zentrum von Lotmans erzähltheoretischen Überlegungen stehen die Begriffe Sujet und Ereignis. Lotman bezieht diese allerdings nicht auf die mikrostrukturelle Ebene der Erzählung, sondern versucht anhand seines Sujet-Modells globale Handlungsstrukturen auf einer hohen Abstraktionsstufe zu erfassen.

Das wichtigste topologische Strukturmerkmal des Sujets ist die Grenze. Diese teilt ein semantisches Gesamtfeld in zwei disjunkte Teilfelder, die eine unterschiedliche innere Struktur aufweisen. Die entscheidende Eigenschaft der Grenze ist, dass sie unter normalen Bedingungen unüberschreitbar ist. Jede Figur ist einem der Teilfelder fest zugeordnet und kann sich nur innerhalb von diesem bewegen.[29]

Die Struktur des Sujet-Modells manifestiert sich auf drei Ebenen. Wie bei der ideologischen Modellbildung, verbinden sich im literarischen Text topologische Oppositionen mit semantischen Gegensatzpaaren. Diese können zusätzlich durch topographische Markierungen konkretisiert sein.


[26] Das Kunstwerk ist als Modell der unbegrenzten Wirklichkeit selbst begrenzt. Vor einer Ermittlung des jeweiligen Sujet-Modells muss zunächst die Grenze bestimmt werden, die den Text von all dem trennt, was Nicht-Text ist. Lotman bezeichnet diese Grenze mit dem – aus der Malerei entlehnten – Begriff des Rahmens. Beim literarischen Werk konstituiert sich dieser Rahmen aus den Elementen Text-Anfang und Text-Ende. Bereits das Problem des Rahmens wirft kulturtypologische Fragestellungen auf. So kann in verschiedenen Kulturmodellen die Betonung entweder auf dem Anfang oder auf dem Ende liegen. Vgl. Lotman, Struktur, 1972, S. 300 ff.

[27] Das Phänomen der kognitiven Verräumlichung lässt sich auch bei in hohem Maße abstrakten Begriffen wie ‚Unbegrenztheit‘ oder ‚Universalität‘ beobachten. Vgl. Lotman, Struktur, 1972, S. 312.

[28] Lotman, Struktur, 1972, S. 313. Lotman verdeutlicht diesen Zusammenhang anhand von Gedichten der russischen Lyriker Tjutcev und Zabolockij. Er zeigt, dass sich literarische Texte einer kulturell vordefinierten Hauptachse bedienen (z.B. vertikale Achse: „oben – unten“), um die herum sich auch nicht-räumliche Charakteristiken gruppieren und durch eine Reihe von Oppositionsvarianten realisiert wird. Abweichungen von dieser Grundordnung erhalten eine besondere Bedeutsamkeit und führen zu einer Entautomatisierung der Sprache des Systems. (Vgl. Lotman, Struktur, 1972, S. 313 ff.)

[29] Die beschriebenen Bedingungen stellen das Sujet-Modell in seiner einfachsten Grundform dar. Lotman verweist auf kompliziertere Fälle und spricht von einer Polyphonie der Räume, führt diese Problematik aber nicht weiter aus. Vgl. Lotman, Struktur, 1972, S. 328 f.