1 Einleitung
2 Die Kategorie Raum als Gegenstand der Literaturwissenschaft
3 Das Raummodell nach Jurij M. Lotman
3.1 Die Sprache der Literatur
3.2 Lotmans Raummodell als narratologisches Analyseverfahren
3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets
3.2.2 Das Ereignis als Grenzüberschreitung
4 Modifikation des Sujetmodells bei der Erzähltextanalyse
4.1 Revolutionäre und restitutive Texte (Scheffel/Martinez)
4.2 Destabilisierung binärer Oppositionen (Taubenböck)
4.3 Mengentheoretische Rekonstruktion (Renner)
5 Fazit
Literaturverzeichnis |
3.2 Lotmans Raummodell als narratologisches Analyseverfahren
Typologisch sieht Lotman für die Analyse literarischer Texte grundsätzlich zwei mögliche Ansätze, von denen in der Geschichte der Literaturwissenschaft zu bestimmten Epochen jeweils einer dominant war: Die rein textimmanente Strukturanalyse sowie eine texttranszendierende Betrachtungsweise, die das einzelne literarische Werk in Korrelation zu umfassenderen außertextlichen Strukturen untersucht. Beide Tendenzen spielen für die Entwicklung der struktural-semiotischen Textanalyse Lotmans eine bedeutende Rolle. So war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Verdienst der russischen Formalen Schule, die Kunst – unter Ausblendung aller textexternen Bezüge – als eigenständigen Untersuchungsgegenstand der Kunstwissenschaft zu etablieren. Die Abkehr von der rein innertextlichen Analyse, deren Hauptaugenmerk auf den künstlerischen Verfahren lag, bereitete den Boden für die struktural-semiotischen Methode, die den Begriff der künstlerischen Funktion ins Zentrum ihres Interesses rückt.[23]
Auch Lotman überschreitet das streng formalistische Postulat der reinen Textimmanenz und sieht den künstlerischen Text grundsätzlich in Relation zu der von ihm modellierten Wirklichkeit:
Der Text existiert überhaupt nicht an sich, er ist unvermeidlich in einem historisch-realen oder fiktiven Kontext eingeschlossen. Der Text existiert als Kontrahent zu den außertextlichen Strukturelementen, die mit ihm wie zwei Glieder einer Opposition verbunden sind.[24]
Demzufolge impliziert die Analyse eines literarischen Textes oder einer Gruppe von Texten immer auch kulturtypologische Fragestellungen. Ein literarischer Text bezieht sich auf eine bestimmte Lebenswelt und stellt somit ein „semiotisches System [dar], das auf dem primären Zeichensystem der Sprache operiert und eine gegebene soziokulturelle Wirklichkeit modellhaft abbildet.“[25]
[23] Vgl. Lotman, 1975, S. 22 ff.
[24] Lotman, Vorlesungen, 1972, S. 171.
[25] Warning, Rainer: “Der Inszenierte Diskurs. Bemerkungen zur pragmatischen Relation der Fiktion.” In: Henrich, Dieter/Iser, Wolfgang (Hrsg.): Funktionen des Fiktiven. München 1983. S. 201.
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