2 Die Kategorie Raum als Gegenstand der Literaturwissenschaft
Die grundsätzlichen Schwierigkeiten bei der theoretischen Erfassung des literarischen Raumes wurden bereits angesprochen. Andrea Taubenböck –die ihrer gattungstypologischen Untersuchung zur Gothic Novel das Lotmansche Raummodell zugrunde legt – unterscheidet in einem vorangehenden Forschungsüberblick vier Richtungen literaturwissenschaftlicher Raumtheorie und referiert deren Stärken und Schwächen:[8]
Inhaltliche Kategorisierungsversuche stehen vor dem Problem der schwierigen Objektivierbarkeit des literarischen Raums. Daraus resultieren eine uneinheitliche Terminologie sowie eine zum Teil zu starke Ausdifferenzierung der Raumkategorien, so dass nur eine bedingt brauchbare Analysebasis zustande kommt.[9]
Psychologisch bzw. philosophisch ausgerichtete Raummodelle hingegen fokussieren ihr Interesse oftmals zu sehr auf Einzelaspekte, beispielsweise die Betrachtung konkreter Räume als “Externalisierung psychischer Vorgänge”[10], wobei zumeist eine Vernachlässigung der räumlichen Gesamtstruktur in Kauf genommen wird.
Des weiteren führt Taubenböck gattungstypologische Ansätze – etwa Michail Bachtins Untersuchung zum Chronotopos – sowie kommunikationstheoretische Modelle der sprachlichen Raumdarstellung an. Alle Ansätze liefern wichtige Erkenntnisse über das Phänomen des Raumes in der Literatur, bieten jedoch aufgrund ihrer oft sehr spezifischen Ausrichtung kein umfassendes, für die praktische Textarbeit brauchbares Modell:
Als alleinige theoretische Basis für die unmittelbare und konkrete Arbeit am Text ist jedoch keines der referierten Modelle ideal geeignet, da sie entweder keine präzisen Unterscheidungskriterien für die einzelnen Raumtypen liefern, rein deskriptiv vorgehen, viel zu komplex sind, um noch eine überschaubare methodische Struktur zu besitzen, oder sich nur auf ausgewählte Einzelräume beziehen, die topologische Makrostruktur jedoch vernachlässigen.[11]
Neben den von Andrea Taubenböck vorgestellten Grundrichtungen sei an dieser Stelle auf den interdisziplinären Ansatz Bernhard Jahns verwiesen, der versucht, kognitionspsychologische Erkenntnisse für eine literaturwissenschaftliche Untersuchung der Raumstruktur fruchtbar zu machen. In seiner Arbeit über Raumkonzepte frühneuzeitlicher Literatur kritisiert Jahn mediävistische Untersuchungen, deren Methodik ein neuzeitlich-empiristisch ausgerichtetes Raumkonzept zugrunde liegt. Die Ergebnisse eines solchen Verfahrens würden oftmals in eine bloße Unterscheidung realistischer und fabulöser Raumdarstellung münden.
Da eine derartige Herangehensweise den untersuchten Texten nicht gerecht wird, bemüht sich Jahn um einen alternativen Ansatz, dem ein erweiterter Raumbegriff zugrunde liegt:
Dieser empiristischen Wirklichkeitsauffassung soll hier eine komplexere Theorie entgegengesetzt werden, die sich auf die Methoden und Ergebnisse der kognitiven Kartographie stützt, um aus ihnen einen Ansatz zur Erforschung frühneuzeitlicher Texte zu gewinnen.[12]
Der Begriff der kognitiven Kartographie beschreibt eine Forschungsrichtung innerhalb der Geographie, die sich mit der strukturellen Erforschung räumlicher Vorstellungsinhalte beschäftigt. Jahn bezieht sich in seiner Arbeit zwar nicht auf das Lotmansche Raummodell, dennoch lassen sich Parallelen zwischen beiden Ansätzen feststellen. Auch Lotman grenzt den von ihm verwendeten Raumbegriff klar von einer rein empiristischen Kategorisierung ab:
Die Perzeption des naiven Lesers ist bestrebt, es mit der Ortsbezogenheit der Episoden in Hinblick auf einen realen Raum (z.B. den geographischen) gleichzusetzen. [...] Hierbei muss besonders betont werden, dass die unter bestimmten historischen Bedingungen entstandene Vorstellung, der künstlerische Raum sei immer das Modell eben irgendeines bestimmten natürlichen Raums, bei weitem nicht immer zutrifft.[13]
Lotman entwickelt sein Raummodell ausgehend von der Annahme, menschliche Vorstellungsinhalte seien aufgrund der Dominanz visueller Wirklichkeitserfahrung überwiegend topologisch organisiert. Kognitionspsychologische Untersuchungen scheinen diese Hypothese zu bestätigen.[14]
[8] Vgl. Taubenböck, 2002, S. 12 ff.
[9] Vgl. Taubenböck, 2002, S. 16.
[10] Taubenböck, 2002, S. 16.
[11] Taubenböck, 2002, S. 20 f.
[12] Jahn, Bernhard: Raumkonzepte in der frühen Neuzeit. Zur Konstruktion von Wirklichkeit in Pilgerberichten, Amerikareisebeschreibungen und Prosaerzählungen. Frankfurt/M. 1993. S. 12.
[13] Lotman, Jurij M.: “Das Problem des künstlerischen Raums in Gogols Prosa. In: Eimermacher, Karl (Hrsg.): Aufsätze zur Theorie und Methodologie der Literatur und Kultur. Kronenberg Taunus 1974. S. 200 f.
[14] Vgl. Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999. S. 143.
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