1 Einleitung
2 Die Kategorie Raum als Gegenstand der Literaturwissenschaft
3 Das Raummodell nach Jurij M. Lotman
3.1 Die Sprache der Literatur
3.2 Lotmans Raummodell als narratologisches Analyseverfahren
3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets
3.2.2 Das Ereignis als Grenzüberschreitung
4 Modifikation des Sujetmodells bei der Erzähltextanalyse
4.1 Revolutionäre und restitutive Texte (Scheffel/Martinez)
4.2 Destabilisierung binärer Oppositionen (Taubenböck)
4.3 Mengentheoretische Rekonstruktion (Renner)
5 Fazit
Literaturverzeichnis |
3.2.2 Das Ereignis als Grenzüberschreitung
Lotman definiert den Begriff Ereignis als „die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes.“[30] Je nachdem, ob eine solche Grenzüberschreitung vorliegt, sind grundsätzlich zwei unterschiedliche Texttypen denkbar. In sujetlosen Texten kommt es zu keiner Überschreitung der Grenze, sie haben klassifikatorischen Charakter, d.h. es findet keine Verletzung der geltenden Ordnung statt. Sujethafte Texte hingegen haben revolutionären Charakter und werden auf der Grundlage des sujetlosen Systems als dessen Negation gebildet. Im sujethaften Text gibt es zwei Arten von Figuren: Unbewegliche Figuren, die der Bestätigung der sujetlosen Strukur dienen und sich ausschließlich innerhalb ihres semantischen Feldes aufhalten, sowie bewegliche Figuren (Helden), welche die klassifikatorische Grenze überschreiten können. Das Ereignis im Sinne einer vollzogenen Grenzüberschreitung ist nach Lotman konstitutiv für narrative Texte.
Auch bei der Bestimmung eines Ereignisses ist der kulturelle Kontext, in dem der zu untersuchende Text situiert ist, zu berücksichtigen:
Das Sujet hängt [...] organisch zusammen mit dem Weltbild, das den Maßstab dafür liefert, was ein Ereignis ist und was nur eine Variante, die uns nichts neues bringt.[31]
Das Verhältnis, in dem der literarische Text zu seiner historischen Wirklichkeit steht, wird entscheidend für die Frage, ob eine bestimmte Begebenheit im Text als Ereignis wahrgenommen wird oder nicht. Die Grenzüberschreitung kann also als Verletzung eines soziokulturellen Normensystems gesehen werden, das durch die sujetlose Struktur des Textes repräsentiert wird.
Unter Berücksichtigung der Korrelation zwischen textinternen und textexternen Strukturen wird ein Untersuchungsverfahren ermöglicht, durch das Qualität und Funktion von Ereignissen bestimmbar gemacht werden können:
Ein Text kann gesellschaftlich vorgegebene Normen übernehmen und ereignishaft erschüttern. Er kann aber auch vorgegebene Normen nur zitieren, um an ihnen bemessene Ereignisse als Nichtereignisse zu interpretieren, und er kann umgekehrt Normen als gültig setzen, die im gesellschaftlichen Kontext ihre Kraft eingebüßt haben, um solchermaßen gesellschaftliche Nichtereignisse wiederum zu Ereignissen zu machen.[32]
Die Relation des Textes zu der von ihm modellierten textexternen Wirklichkeit erscheint bei Lotman als die hierarchisch höchste bedeutungskonstitutive Relation. Dieser Aspekt wird von Rainer Warning in seiner kritischen Betrachtung des Lotmanschen Sujetmodells als das besondere Verdienst Lotmans gegenüber anderen, streng deduktiv operierenden Analysemodellen angesehen. Allerdings bleibe Lotman in seinen Ausführungen letztlich hinter diesem funktionsgeschichtlichen Ansatz zurück, indem er sich vornehmlich auf den inneren Aufbau des Textes konzentriert, statt den Text als das zu nehmen, „was er ist und sein will: als eine ideologisch interessierte Modellierung von Wirklichkeit, als Eingriff in die Lebenswelt seines intendierten Publikums.“[33]
[30] Lotman, Struktur, 1972, S. 332.
[31] Lotman, Struktur, 1972, S. 333.
[32] Warning, 1983, S. 202.
[33] Warning, Rainer: Die Phantasie der Realisten. München 1999. S. 38. Rainer Warning versucht in dieser Arbeit neue Zugänge zum realistischen Roman zu erschließen. Die Realismus-Forschung sei über Jahrzehnte von einer Debatte dominiert worden, die sich zu einseitig am marxistischen Widerspiegelungskonzept und einem normativ gesetzten Wirklichkeitsbegriff orientiert habe. Warning nimmt Lotmans kultursemiotischen Ansatz als heuristischen Ausgangspunkt und untersucht den realistischen Roman hinsichtlich seiner Funktion als künstlerische Wirklichkeitsmodellierung.
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