1 Einleitung - Jurij M. Lotmans Raummodell als methodische Basis bei der Erzähltextanalyse

Jurij M. Lotmans Raummodell als methodische Basis bei der Erzähltextanalyse

LMU München
Institut für Deutsche Philologie

Seminar: „Theorien des Erzählens “
Wintersemester 2002/2003
Verfasst von: Maximilian S t e r z

 

1 Einleitung

2 Die Kategorie Raum als Gegenstand der Literaturwissenschaft

3 Das Raummodell nach Jurij M. Lotman

3.1 Die Sprache der Literatur

3.2 Lotmans Raummodell als narratologisches Analyseverfahren

3.2.1 Die Raumstruktur des Sujets

3.2.2 Das Ereignis als Grenzüberschreitung

4 Modifikation des Sujetmodells bei der Erzähltextanalyse

4.1 Revolutionäre und restitutive Texte (Scheffel/Martinez)

4.2 Destabilisierung binärer Oppositionen (Taubenböck)

4.3 Mengentheoretische Rekonstruktion (Renner)

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bei den maßgeblichen theoretischen Entwürfen auf dem Gebiet der Erzählforschung lässt sich die generelle Tendenz beobachten, dass dem Phänomen der Zeit weitaus größere Aufmerksamkeit zukommt als den räumlichen Aspekten erzählender Literatur.[1] Dass vor allem die Zeitstruktur als wesentliches Merkmal literarischer Texte angesehen wird, hat in der Geschichte der Literaturwissenschaft eine lange Tradition. Bereits Lessing unterscheidet in seiner 1766 erschienenen Schrift Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie zwischen Dichtung und bildender Kunst anhand deren vornehmlich zeitlicher bzw. räumlicher Konstitution:

Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren Nachahmungen ganz andere Mittel, oder Zeichen gebrauchet, als die Poesie; jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber artikulierte Töne in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein bequemes Verhältnis zu dem Bezeichneten haben müssen: So können neben einander geordnete Zeichen, auch nur Gegenstände, die neben einander, oder deren Teile neben einander existieren, auf einander folgende Zeichen aber, auch nur Gegenstände ausdrücken, die auf einander, oder deren Teile auf einander folgen.[2]

Abgesehen von den Nachwirkungen dieser kategorischen Trennung sehen sich Ansätze, die sich primär mit der räumlichen Struktur literarischer Werke beschäftigen, mit weiteren Problemen konfrontiert. Schwierigkeiten ergeben sich bereits bei dem Versuch, den literarischen Raum zu kategorisieren und für eine wissenschaftliche Untersuchung greifbar zu machen. Räumliche Kategorien weisen oftmals einen hohen Subjektivitätsgrad auf, so kann die Raumdarstellung stark an die wahrnehmende Perspektive gebunden sein. Subjektive Raumvorstellungen auf der rezeptionsästhetischen Ebene sind schlechthin nicht kategorisierbar.[3]

Nach einem kurzen Aufriss der allgemeinen Problemlage literaturwissenschaftlicher Raumtheorie sollen in dieser Arbeit speziell narratologische Fragestellungen behandelt werden. Zentraler Gegenstand sind dabei die erzähltheoretischen Überlegungen des estnischen Kultursemiotikers Jurij M. Lotman, wie er sie Anfang der siebziger Jahre im Rahmen seiner Arbeit Die Struktur literarischer Texte entwickelt hat.[4]

Anhand der Raumstruktur einer erzählten Welt entwickelt Lotman ein Analysemodell, durch das die globale Handlungsstruktur eines Textes abstrahiert werden kann. Lotman geht dabei über die rein textimmantente Untersuchungsmethode anderer strukturalistischer Ansätze[5] hinaus und betrachtet den literarischen Text als „sekundäres modellbildendes System“[6] im Verhältnis zu dessen außertextueller Wirklichkeit.

Im zweiten Teil der Arbeit soll der heuristische Wert des Lotmanschen Raummodells für die konkrete Erzähltextanalyse erörtert werden. Gerade in den letzten Jahren scheint im deutschsprachigen Raum die Zahl literaturwissenschaftlicher Arbeiten zuzunehmen, die methodisch primär auf den Überlegungen Lotmans basieren. Die Wahl des Verfahrens wird dabei zum einen mit dem klaren Aufbau des Theoriemodells begründet, zum andern mit dessen grundsätzlicher Offenheit, die der Einzigartigkeit des literarischen Kunstwerks in seiner historischen Dimension noch gerecht werde, ohne dabei in strukturalistischen Reduktionismus zu verfallen.[7]

Um die Möglichkeiten und Grenzen des Lotmanschen Raummodells aufzuzeigen, werden Arbeiten vorgestellt, die sich bei ihrer Analyse explizit auf Lotman beziehen. Keine dieser Untersuchungen wendet Lotmans Analysemodell in seiner Reinform an. Vielmehr wird es in allen Fällen hinsichtlich seiner Schwächen problematisiert und erfährt eine dem jeweiligen Gegenstand und Forschungsinteresse angepasste Modifizierung bzw. Erweiterung.


[1] So konzentriert sich beispielsweise Gérard Genettes als Grundlagenwerk der Erzählforschung betrachtete Arbeit Die Erzählung vornehmlich auf die zeitliche Organisation narrativer Texte. Vgl. Genette, Gérard: Die Erzählung. München 1994.

[2] Lessing, Gotthold Ephraim: Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Stuttgart 1980. S. 114.

[3] Vgl. Taubenböck, Andrea: Die binäre Raumstruktur in der Gothic novel. München 2002. S. 13 f.

[4] Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1972.

[5] Zu nennen ist hier besonders Vladimir Propps paradigmatische Arbeit zur Morphologie des Märchens, deren Untersuchungsgegenstand sich allerdings auf ein Korpus von etwa hundert russischen Zaubermärchen beschränkt. Lotmans struktural-semiotischer Ansatz hingegen eröffnet die Möglichkeit eines Analyseverfahrens, dass eine weitaus größere Bandbreite erzählender Texte zu erfassen vermag.

[6] Lotman, Struktur, 1972, S. 22.

[7] Vgl. Stock, Markus: Kombinationssinn. Narrative Strukturexperimente im “Straßburger Alexander”, im “Herzog Ernst B” und im “König Rother”. Tübingen 2002. S. 16.